Ein Essayfilm über Gebote und Gebieter einer Stadt

“Kindheit in Neapel. Kindsein im System. Zwischen Ringelreihen und Firmung, verirrt in den Gassen der Stadt, werden die allgegenwärtigen Spannungen der Gebote und Gebieter spürbar. Hier unterschwellig, dort offensichtlich. Ein Pflaster heilt die Wunden. Von droben schützt die väterliche Hand.”
Auszug Programm Duisburger Filmwoche

 

Begründung der Jury Bester Kurzdokumentarfilm Napoli Filmfestival
Die lyrische Erzählung einer Stadt begibt sich auf die leidenschaftliche Suche der Unschuld und Fragilität der vulkanischen Geschöpfe, die tagtäglich den Kämpfen, Ritualen und Lastern der Metropole ausgesetzt sind. Es ist ein Dokumentarfilm so intensiv wie ein Spiritual, nie aber exzessiv. Durch das Alternieren von Fragmenten, die der Videokunst entliehen sind mit solchen, die vom klassisch-beobachtenden Dokumentarfilm kommen, schafft der Film eine Fiktion, die wahrer ist als das Wahre.
Juri: Andrea Zanoli (Dokumentarfilmer, Mitarbeiter der Lab 80 film und der Bergamo Film Meeting), Arturo Lando (Journalist, Filmkritiker und Dozent der Soziologie) und Gianni Valentino (Journalist und Kulturproduzent)
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Ein gelähmtes und statisches Neapel
Von und über Neapel wurde viel in dokumentarischen Arbeiten gesprochen und wird noch viel gesprochen werden. Martin Prinoth wirft in seinem Film „Le creature del Vesuvio“, einer Produktion der HfbK Hamburg, einen sehr besonderen und wachsamen Blick auf die Stadt. Der junge Filmemacher stammt aus Bozen und lebt in Deutschland.

Der Dokumentarfilm von Prinoth besteht aus sorgfältig gewählten Bildern und Kameraeinstellungen und wechselt zwischen langen Einstellungen, Landschaftsaufnahmen und Menschenmengen ab, bis zur „blue screen“ Szene, in welcher zwei Brüder während des Angelns auf den Klippen verewigt werden.
Die Narration hebt die Mentalität der Personen hervor, die von Kriminalität, mangelnder schulischer Bildung und einer tiefen Religiosität bestimmt wird: also ein noch archaisches und den Traditionen verbundenes Neapel. Der Film beschreibt einen Status der Unbeweglichkeit, der sich auf den Alltag auswirkt und so es der lokalen malavita (dem Verbrechertum) erlaubt, ungestört zu agieren. Der Regisseur verzichtet auf Interviews und journalistische Beweisführungen, sondern bewegt sich vielmehr mit seiner Kamera in die Stadt hinein, um ihre, mal menschenleeren mal bevölkerten Räume, Quartiere, Straßen und das Meer einzufangen. 03/10/2013 Simone Pinchiorri

TRAILER

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“… I’m looking out of the window of my hotel room onto a city, that could be everywhere. The pictures I’m looking for are the pictures in my head, but I can’t find them.”

“… Mi affaccio alla finestra della mia stanza d`albergo su una città che potrebbe trovarsi ovunque. Le immagini che sto cercando, sono le immagini che ho nella mia mente, però non le trovo.”

Zum Film
„Die Medien berichten immer dann über uns, wenn geschossen und gemordet wird“, erzählte mir ein älterer Mann aus Scampia, dem Stadtviertel im Norden Neapels. Fehden zwischen den Camorra Clans fordern hier seit Jahrzehnten Tote. Ich war in dieses Stadtviertel gefahren ohne Ahnung was mich erwarten würde, dafür aber mit einer Fülle an Bildern im Kopf. Es waren Bilder der Gewalt und des Leides, die allabendlich in den Nachrichten ihre Deutung erfahren. Ich stand vor einem Dilemma: ich musste Bilder loswerden, um neue Bilder machen zu können. Ich wollte meinen Blick öffnen, neu sehen oder wie Johan van der Keuken es einmal beschrieb „das Auge erneuern“.
Die Fragestellungen, die mich bis zur Endfassung meines Films begleiten sollten, betrafen eben diese unzähligen Bilder der Gewalt und des Leides. Für mich hatten sie ihren Realitätswert bereits verloren. Sie waren zu Postkartenmotiven verkommen. Auf der anderen Seite habe ich feststellen müssen, dass nichts irreführender ist als die Annahme, Bilder und Töne könnten die Realität wiedergeben so wie sie sich uns manifestiert. „Die Kamera einfach draufhalten“ ist nicht nur eine unreflektierte Behauptung, wie sie oft dem dokumentarischen Film entgegengebracht wird, sondern in ihren Extremen auch eine gefährliche. Ich suchte nach einer formalen Öffnung des Themas und verspürte allmählich den Drang mit dieser Wirklichkeit umzugehen und sie von einem subjektiven Standpunkt aus erzählen zu müssen. Ich beschloss keine Interviews zu führen und auf Faktenangaben zu verzichten. Es geht mir eher um das Gefühl, das ich vorort verspürte.
Noch nie wurden wir von so vielen Bildern heimgesucht wie heute. Noch nie wurden Bilder so schnell produziert, rezipiert, eliminiert, manipuliert und noch nie gab es so große Angst vor ihnen. Die unüberschaubar gewordene Masse digitaler Bilder drängt die Frage nach Objektivität und Authentizität in den Hintergrund, zumal ein Gutteil unseres Weltwissens aus dokumentarischen Filmen und Fernsehsendungen stammt und die Realität selber so zu einer instabilen Kategorie wird. Lange schon sind wir von der Deutung und Auslegung der Bilder-Produzenten abhängig oder anders gesagt: ihnen ausgesetzt. Sie deuten für uns die Wirklichkeit und erzeugen somit ihre Realität, die nicht zwingend unsere sein muss. Es sind saturierte Bilder, die schon bekannt, schon erklärt, schon mit Bedeutung ausgestattet und auf diese beschränkt sind. Die Bilder verlieren somit ihre größte Kraft: die Möglichkeit in neue Zusammenhänge gestellt zu werden.
Paulo Virilio schreibt: “Wir werden informiert aber wir empfinden nichts dabei, d.h. wir werden apathisch. Diese apatheia, diese … Gleichgültigkeit lässt mit der Informiertheit des Menschen auch die Wüste der Welt um ihn her wachsen, denn die Stimuli der Beobachtung werden durch sich wiederholende (und bereits bekannte) Informationen gestört… Das gilt nicht nur fürs Gedächtnis, sondern vor allem für den Blick.”
Bilder zeigen nicht per se dies oder das. Sie zeigen soviel, wie ihnen zugesprochen wird und das abhängig vom Kontext in dem sie stehen. Bilder sind doch nie objektiv? Das einzig Objektive an Bildern ist die Tatsache, dass sie von einem Subjekt gemacht wurden. All zu oft wird eine Kritik als positiv verstanden, wenn über einen Dokumentarfilm geschrieben steht er zeige “ohne Wertung” die Realität. Aber wie kann es einen Film ohne Wertung geben? Oft werden derartige Behauptungen in einem mangelnden Wissen um die Künstlichkeit des Films an sich oder einer falsch verstandenen Ethik gefällt. Denn müssten der Kritik nicht eigentlich solche Filme suspekt sein, die ihre subjektive Haltung hinter einer objektiven Behauptung zu verbergen suchen? Und öffnet sich nicht gerade der Film einer kritischen Diskussion um Objektivität, der seine subjektive Sichtweise zu erkennen gibt? Ich denke es ist notwendiger denn je, dass der Dokumentarfilm nicht die Illusion einer objektiven Wirklichkeit behauptet, sondern eine Reflexion seiner Herstellungsprozesse dem Zuschauer anbietet. Eine solche dokumentarische Haltung fordert für den Zuschauer die Erkennbarkeit der Präsenz des Filmemachers und von diesem den Mut eines subjektiven Blicks, der dem Zuschauer sagt: „Sieh, du blickst auf eine Leinwand! Verhalte dich dazu!“

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